Sportmedizin

Übertraining?

Es stellte sich eine 27-jährige ambitionierte, wettkampferprobte, seit Jahren aktive Freizeitsportlerin mit Herzsymptomen, Schwächegefühl und Leistungsabbau vor. Sie spüre unangenehm das Herz und habe Angst vor einem Herzproblem. Ihre Blutdruckwerte sind höher als üblich, auch sind ihr höhere Pulswerte beim Training aufgefallen. Beim letzten Training trat dann zusätzlich Herzrasen auf und die Patientin musste das Training unterbrechen, die Pulshöhe normalisierte sich nur langsam.

Auch träten Schwindelgefühle und „komisches Flimmern“ vor den Augen auf. Gleichzeitig bemerke sie eine Schwäche, einen ungewohnten Muskelkater und einen Leistungsrückgang, die Laufzeiten werden schlechter. Zudem haben sie bei einem Ohrinfekt Antibiotika einnehmen müssen. Sie hat aus gesundheitlichen Überlegungen auf eine gluten- und laktosefreie Ernährung umgestellt. Vor sechs Monaten ist sie ihren ersten Marathon, vor drei Wochen einen Halbmarathon gelaufen und befindet sich in der Vorbereitung für den nächsten Marathon in 3 Monaten. Hierzu trainiere sie seit sechs Wochen 3-4 mal wöchentlich in einer Laufgruppe, die aber schneller als die zugesagten 6 Minuten/km laufe.

Die Untersuchung

Die körperliche Untersuchung war nicht auffällig, der BMI liegt bei 20.

Im Herzultraschall zeigte sich ein Normbefund, insbesondere keine angeborenen Herzfehler oder Hinweise für einen Herzinfekt (kein Herzbeutelerguss, allseits gute Wandkontraktionen, zarte, völlig regelrechte arbeitende Herzklappen).

Im Ruhe-EKG sah man einen regelrechten Grundrhythmus ohne Kammerendteilveränderungen, aber mit 82 Schlägen leicht erhöhtem Ruhepuls. Der Blutdruck war 135/85, ebenfalls etwas zu hoch für eine schlanke junge Sportlerin.

In der Blutdiagnostik fanden sich nur leichte Auffälligkeiten (geringe Erhöhung der Leukozyten, grenzwertig niedriges Ferritin aber ohne Anämie).

Im Langzeit-EKG bestätigte sich das leicht erhöhte Pulsniveau, Herzrhythmusstörungen traten keine auf. Auffällig war aber eine abnehmende Herzfrequenzvariabilität und in der vegetativen Diagnostik eine überwiegende Sympatikusaktivierung.

Das Belastungs-EKG war ebenfalls ohne Auffälligkeit, auch hier fiel aber eine verzögerte Pulserholung auf.

Leistungsdiagnostik

Die Leistungsdiagnostik mittels Spiroergometrie und Laktatbestimmungen ermittelte die individuelle aerobe Schwelle nach Dickhuth bei 1,14 mmol Laktat, entsprechend einer Belastung von 6,6 km/h und 2 % Steigung bzw. 87 Watt und einer Herzfrequenz von 178´ und die individuelle anaerobe Schwelle nach Dickhuth bei 2,14 mmol Laktat, entsprechend einer Belastung von 9,5 km/h und 2 % Steigung bzw. 127 Watt und einer Herzfrequenz von 200´.

Dieser Fall zeigt doch recht charakteristisch den Zustand des Übertrainings. Hier handelt es sich um einen Folgezustand fehlender Regeneration. Dieser führt zu einer Störung der autonomen Regulation mit Rückgang der parasympatischen Aktivität (-> höherer Puls und Blutdruck, verzögerte Kreislauferholung nach Belastung) und zu weiteren vielfältigen Regulationsstörungen (Hormone, Neurotransmitter, Immunologika) mit typischen ZNS-Symptomen (wie hier das Flimmern vor den Augen beim Training) und einer Schwächung des Immunsystems.

Ursachen

Ursächlich sind die zu schnellen Laufzeiten. Sie hatte sich schon in der richtigen Leistungslaufgruppe angemeldet. Diese hielt sich jedoch nicht an die besprochenen Laufzeiten und lief schneller. Zudem sind 3-4 jährliche Langdistanzwettkämpfe zu viel, zumal sie ja auch die täglichen Anforderungen als vollzeitig Berufstätige meistern muß. Die Umstellung auf eine gluten- und laktosefreie Ernährung dürfte auch eine gewisse, ungünstige Rolle spielen, allerdings verzichten wir aus Kostengründen auf eine gezielte Laboranalytik.

Mit neuem Trainingsplan zum Erfolg

Wir besprachen mit der Sportlerin ihr Training im Umfang und der Intensität zu reduzieren. Als Belastungsempfehlungen vereinbarten wir Trainingsbelastungen mit GA 1 und GA 1-2 Bereich, steuerten die Intensität aber auch über die Höhe der morgendlichen Ruheherzfrequenz, die in den nächsten Wochen sinken sollte. Seitens der Ernährung empfahlen wir mehr Proteine aufzunehmen.

Die Kontrolluntersuchung erfolgte sieben Monate später. Die Sportlerin berichtete, dass es ihr wieder richtig gut gänge, so wie früher. Das Training fiel ihr nicht mehr schwer, sie habe die Laufgruppe gewechselt, die Laufzeiten hatten sich wieder verbessert. Herz-oder Kreislaufsymptome habe sie nicht mehr. Das Pulsverhalten sei nicht mehr auffällig. Zu einem erneuten Infekt ist es nicht mehr gekommen.

Im Langzeit-EKG bestätigte sich das wieder erholte Frequenzniveau, die Herzfrequenzvariabilität ist nun wieder – wie bei gesunden Sportler üblich – überdurchschnittlich ausgeprägt und in der vegetativen Diagnostik zeigte sich eine intakte parasympatische Aktivität.

In der Leistungsdiagnostik zeigten sich erfreulich verbesserte Werte:
Individuelle aerobe Schwelle nach Dickhuth bei HF 178´ bzw. 6,6 km/h und HF 179´ bzw. 9,6 km/h und Individuelle anaerobe Schwelle nach Dickhuth bei HF 200´ bzw. 9,5 km/h und HF 195´ bzw. 11,0 km/h

Den folgenden Marathon lief sie entspannt und in Wohlbefinden in 4 Stunden und 34 Minuten.

Dr. med. Jörg Lauprecht

Praxis für Herz- und Sportmedizin

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